Dänemarks nächstes Problem im Nordatlantik?
Mit einem unerwarteten und ungewöhnlichen Bericht über die Färöer wartete der Tagesspiegel in seiner Ausgabe vom 12.03.2026 auf. Grundthese des Beitrags ist, dass der Archipel als weiterer autonomer Teil des Königreichs Dänemarks nach Grönland zunehmend ins Zentrum geopolitischer Spannungen im Nordatlantik rücken könnte. Der Beitrag stellt die strategisch wichtige Lage der Färöer in der GIUK-Lücke zwischen Island und Schottland, einer zentralen Route für militärische Bewegungen zwischen dem Atlantischen Ozean und dem Europäischem Nordmeer heraus. Angesichts wachsender Konflikte, etwa durch US-Interessen an Grönland, gewänne die Region an Bedeutung.
Der Artikel beleuchtet, wie die Färinger sich kulturell als Teil des Westens und der NATO sehen, jedoch zugleich wirtschaftliche Beziehungen zu Russland pflegen, insbesondere durch Fischereiabkommen. Dies führe zu Spannungen, da Aktivitäten der Russischen Föderation auch Sicherheitsrisiken wie Überwachung oder Sabotage bergen könnten. Gleichzeitig versuchte in der Vergangenheit die Volksrepublik China über Investitionen in Infrastruktur und Handel Einfluss auf den Inseln zu gewinnen, etwa durch Telekommunikationsprojekte mit Huawei, was „von Kopenhagen“ aus Sicherheitsgründen verhindert wurde.
Die färöische Wirtschaft wird im Beitrag zutreffend als stark von Fischerei geprägt beschrieben und als stabil klassifiziert, was Bestrebungen nach Unabhängigkeit, auch außenpolitisch, stärke. Jedoch pausieren nunmehr diese Forderungen, zuletzt vorgetragen von Ministerpräsident Aksel Johannesen im Vorjahr, im Nachgang der substantiierten Annexionspläne des US-Präsidenten Donald J. Trumps in Bezug auf Grönland, eingebettet in die übrigen globalen Unsicherheiten. Allerdings werden sich die Färinger immer mehr ihrer geostrategischen Lage bewusst: verlöre die NATO die Kontrolle über das Nadelöhr GIUK-Lücke, schwäche dies die Allianz erheblich. Nur so kann Verstärkung aus Nordamerika nach Europa gelangen. Insgesamt werde deutlich: Die Inseln sind nicht länger ein abgelegener Rand, sondern ein strategischer Schlüsselraum internationaler Machtpolitik.
Nach der Inhaltswiedergabe nun der Versuch einer Rezension: Es mag zeitgerecht sein, Fokus auf diese Umstände zu legen und zumindest einer Plausibilisierung zu unterwerfen. Insofern ist der Artikel als seiner Zeit voraus zu bezeichnen. Der Lektüre nach liegen dem Beitrag überwiegend Korrespondenzen mit Petra Mathilde Jørs, Wissenschaftlerin und Promotionsstipendiatin am dänischen Institut für auswärtige Angelegenheiten (DIIS), sowie Nachrichtenrecherchen der letzten Zeit zugrunde. Die Autorin des Beitrags, Maxi Beigang, ist nach Verlagsangaben als Redakteurin im Tagesspiegel-Ressort „Internationale Politik“ tätig und dort vor allem mit Nordeuropa befasst, „gucke“ aber „immer auch“ auf Großbritannien und die Europäische Union. Sie volontierte bei der Berliner Zeitung, schrieb für die taz oder den Freitag und arbeitete als Übersetzerin in Schweden.
Handwerklich lässt der Beitrag jedoch einige Nachlässigkeiten erkennen. Die Aussage über die Färinger „Untertanen dänischer Könige und Königinnen … waren sie nicht, bis heute macht sie das selbstbewusster“ ist zum einen ein Widerspruch einer Grundthese des Artikels (die Färöer als Teil des dänischen Königreiches), zum anderen läuft die faktische Grundierung ins Leere. Der Versuch eines kulturanthropologischen Vergleiches mit den Kalaalit in Grönland misslingt nach Auffassung des Rezensenten. Viele der genannten Fakten des Beitrags wirken kursorisch zusammengetragen, die eine oder andere Vertiefung fehlt. Benannte Zahlen (56.000 Einwohner, lt. färöischer Statistikbehörde vom Januar 2026 sind es 55.046) wirken grobschlächtig. Ferner unterschlägt die – sicherlich von der Redaktionsstube gewählte - Unterüberschrift „Warum der Konflikt auf die nächste dänische Insel übergreifen könnte“ unzutreffend die Archipeleigenschaft der Färöer. Die Bildauswahl aus Adobe Stock scheint aufzugreifen, was an grasgrün bewachsenen färöischen Felslandschaften gerade da ist und garniert diese ohne genaue Ortsangabe mit willkürlich gewählten Bildunterschriften.
Nichtsdestoweniger kann der Artikel als ein Schlaglicht auf die Inseln und einen gedachten, weniger zur Sprache gebrachten Sachverhalt der strategischen Lage zur rechten Zeit betrachtet werden. Hoffen wir, dass – um mit Annika Hoydal zu schließen –„Mín lítla váta ogn á heimsins klótu“ den abstrahierten Übergriff der Konflikte nicht erleben muss.
(Thomas Blaudeck)