Deutsch-Färöischer Freundeskreis (DFF) e.V.
Färöische Nachrichten

Schneewinter und Orkannächte

Wintererlebnisse von Fugloy

Langsam legen sich die Inseln das weiße Kleid an, das Land verfällt ins kollektive Abwarten, weil es draußen ohne hin nicht mehr möglich ist, irgendwo hin zu kommen. Autos sind eingeschneit, Straßen sind gesperrt und der Flugverkehr ist eingestellt. Frieden legt sich über Land und Volk. Es ist nichts anderes zu tun. Es wird Zeit, es sich zu Hause gemütlich zu machen.

In der warmen Stube in Hattarvík, einem kleinen Dorf auf der abgeschiedenen Insel Fugloy, sitzt Hanus und denkt an vergangene Tage. Die Gedanken wandern in die Schneewinter alter Tage, als noch alles daran gesetzt wurde, jeden von den Füßen zu holen. Jetzt ist die Tochter Jóhanna erwachsen und hat den Hof übernommen. Die Sorge Jóhannas gilt den Schafen, wo es jetzt so anhaltend lange schneit, während er sich erinnert...

Es war der Winter 1947 und es lag seit zwei Monaten ununterbrochen Schnee, seit dem ersten Februar und den ganzen März. Das Wetter war gut, aber es lag dermaßen viel Schnee, dass die Schafe in die Schuppen geholt werden mussten. Überall war es voll von Schafen, ob im Keller oder im Bootshaus. Wo auch nur Platz für die Vierbeiner war, waren sie in diesem Winter zu finden. In diesem Winter bauten die Männer im Dorf, vor allem die jüngeren, ein großes Schneeschiff am Hof uppi í Húsi. Sie rollten große Schneebälle für den Bau und verwendeten einen Treibholzstamm als Masten. Damals wohnten noch viele Menschen im Dorf und es war richtig gesellig.

Weniger schön war es 1962, als sieben Schafe im Schnee starben. Das gleiche passierte noch einmal im Jahr 1979, erzählt Hanus und wischt den Tau am Küchenfenster weg. Aber man sieht draußen nichts, der Frost hat auf der Außenseite vom Fenster tausende kleine Frostkristalle entstehen lassen.

1979 war es wie jetzt, der Schnee kam mit voller Wucht und es schien, als würde es überhaupt nicht mehr aufhören wollen. Es schneite anhaltend, mehrere Tage. Und wir versuchten alles, was wir konnten, um die eingeschneiten Schafe zu bergen. Aber der Schnee war so tief, dass wir Schaufeln mitnehmen mussten, um die Schafe überhaupt finden zu können. Dann gruben wir die Schafe, die wir fanden, frei und es war erstaunlich, wie viele Schafe unter dem Schnee noch am Leben waren. Viele der Schafe waren bereits seit mehreren Tagen eingeschneit.

Es ist gut, dass die Schafe jetzt so nah bei den Häusern sind, sagt Jóhanna, die sich an Ereignisse in ihrer Kindheit noch gut erinnern kann, als die Schneestürme ihr Unheil trieben.

Einmal, Ende der 80er Jahre oder Anfang der 90er Jahre war die Sorge groß. Damals kam der inzwischen verstorbene Priester aus Viðareiði, Erland Beder, einige Tage vor Weihnachten zu uns, erzählt Jóhanna. Er feierte Weihnachten zusammen mit uns, hielt den Gottesdienst in Hattarvík am Mittag des ersten Weihnachtstages und sollte am Abend des gleichen Tages den Gottesdienst in der Kirche von Kirkja halten. In der Nacht hatte es viel geschneit und mein Papa, der Küster in der Kirche war und gleichzeitig der Zuständige von LV für die Schneeräumung auf der Insel war, wollte den Priester rüber nach Kirkja fahren.

Die beiden stiegen in die Schneefräse und gruben sich einen Weg rüber nach Kirkja. Es dauerte mehrere Stunden und inzwischen wurde es spät, als sie noch immer oberhalb von Kirkja waren. Die beiden waren sich irgendwann einig, dass es so zu lange dauerte und der Priester schneller zu Fuß unten in Kirkja wäre. Gesagt, getan und der Priester ging durch den tiefen Schnee hinunter nach Kirkja. Das klappte auch und der Priester kam gut im Dorf an.

So endete dieser Winterabend in Hattarvík. Drinnen war es warm und gemütlich, aber der Wind schien nicht abnehmen zu wollen, wie vorhergesagt.

Und Jóhanna erinnert sich noch an das Weihnachtsunwetter 1988, obwohl sie damals gerade einmal vier Jahre alt war. Viele der Erwachsenen aus Hattarvík und Kirkja waren an diesem Abend in der Schule in Hattarvík. Marianna Debes Dahl unterrichtete Englisch. Anschließend kamen alle zu uns in die Útistova um Färöischen Tanz zu tanzen, erzählt Jóhanna. In dem Winter fand das so einmal die Woche statt. Ich hatte an diesem Abend richtig Spaß daran und tanzte auch mit. Das war der Abend, als meine Freude am Färöischen Tanz geboren war. Aber dieser Abend war ein bisschen anders wie die anderen Abende. Der Wind nahm an Stärke zu und wir hörten früher als sonst auf zu tanzen. Die Leute aus Kirkja gingen wieder rüber, noch bevor sich das Wetter weiter verschlechterte. Und die Nachbarn aus Hattarvík gingen ebenfalls nach Hause. An schlafen war aber nicht zu denken. Wir waren alle in der Küche, trauten uns nicht nach oben zu gehen zum schlafen.

Papa und ein paar andere Männer waren draußen und meinten, sie müssten sich an einem Seil am Haus festbinden, damit sie nicht davon geweht werden. Als Papa wieder rein kam, war seine Mütze weg. Die konnte man am Kinn festbinden, und dennoch ist sie raus in die Bucht geweht worden.

Das Wetter verschlechterte sich weiter. Ich erinnere mich noch daran, wie alles bebte und vibrierte. Ein unheimliches Geklirr kam aus dem Schrank mit den Tellern und Tassen. Einige Figuren in der Küche fingen von selbst an zu wandern und zerschellten auf dem Boden. Hier konnten wir nichts anderes machen als mitten auf dem Fußboden zu sitzen. Das Sofa stellten wir vor die Speisekammertür weil diese durch den Druck immer von selbst aufging. Auf einmal erschrak uns ein unheimliches Poltern und Donnern oben vom Dach her. Es war unser Schuppen, der über das Haus geweht wurde und einige Teile kamen durch das Dach und schlugen so ein Loch hinein. Zum Glück blieben alle Fenster heil.

Am Tag danach, als das Wetter wieder besser war, gingen wir bei Tageslicht raus um zu sehen, was der Wind in der vergangenen Nacht angerichtet hatte. Die Körper (der geschlachteten Tiere, Anm. d. Red.), die im Schuppen hingen, lagen verteilt im Dorf und unten im Bach. Ja, das war ein Ereignis, an das ich mich noch sehr gut dran erinnere, obwohl ich damals noch so jung war.

Es klopft an der Tür. Es ist ein Nachbar. Er hat Neuigkeiten vom Wetter. Er ging durch das Dorf und klopfte an alle Türen, wo an diesem Winterabend in Hattarvík noch Licht in den Häusern zu sehen war. Jóhanna setzt den Kessel noch einmal auf und das Gespräch geht um Schnee, Wind und die großen Schneewehen, die überall entstanden sind. Vielleicht gibt es noch richtig viel Schnee.


Aus dem Färöischen
von Klaus Averberg



Der Bericht Kavanætur og ódnarnætur erschien in der Zeitschrift Glóðin, Ausgabe Nr. 35, 2015, S. 10/11, herausgegeben von Útoyggjafelagið, Syðrugøta

Die DFF-Redaktion dankt der Redaktion des Útoyggjafelags für die Erlaubnis, die deutsche Übersetzung zu veröffentlichen.


28.03.2020

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